Wer ein Dach begrünt, trifft am Anfang eine Entscheidung, die später kaum noch korrigierbar ist: die Aufbauhöhe. Sie legt fest, was wachsen darf, wie viel Regen das Dach speichern kann, wie schwer die Konstruktion wird — und in der Praxis auch, ob das Projekt im Bestand überhaupt machbar bleibt.
Bei XROOF® bieten wir zwei Kassettenhöhen an: 65 und 80 mm. Auf den ersten Blick klingt das nach einer marginalen Differenz von wenigen Millimetern. In Wirklichkeit sind es zwei deutlich unterschiedliche Anwendungswelten, die jeweils andere Bauherren, andere Pflanzen und andere Klimaeffekte bedienen. Dieser Beitrag erklärt, was hinter den Zahlen steckt — und warum die richtige Höhe oft mehr Bauchschmerzen erspart, als ihr Preisunterschied vermuten lässt.
Warum die Höhe mehr ist als nur eine Zahl
Eine Dachbegrünung ist immer ein Schichtsystem. Auf der Dachabdichtung liegen typischerweise eine Schutzlage, eine Drainage- und Speicherebene, ein Filtervlies, das Substrat und die Vegetation. In klassischen Aufbauten werden diese Lagen einzeln verlegt. XROOF® bündelt sie in einer Kassette von 60 × 40 cm: Wasserspeicher, Etagen-Entwässerung, Substratraum und Bepflanzungsschutz in einem Bauteil. Die Kassettenhöhe entspricht damit nicht dem reinen Substratvolumen, sondern der Gesamtaufbauhöhe inklusive Speicher.
Damit beantwortet die Höhe vier Fragen gleichzeitig:
- Welche Pflanzen wachsen? Sedum und Moose kommen mit wenigen Zentimetern Substrat aus. Kräuter und Wildblumen brauchen mehr Wurzelraum. Die FLL-Dachbegrünungsrichtlinie empfiehlt für Sedum-Extensivbegrünungen eine Mindestaufbauhöhe von rund 80 mm. Wer darunter bleibt, akzeptiert eine schmalere Pflanzpalette, wer höher baut, gewinnt Vielfalt.
- Wie viel Wasser hält das Dach? Jeder zusätzliche Millimeter Aufbauhöhe heißt mehr Speicher- und Substratvolumen. Das Dach wird zum funktionalen Schwammstadt-Bauteil: Es entlastet die Kanalisation bei Starkregen, gibt Feuchte zeitversetzt an die Atmosphäre ab und kühlt das Quartier.
- Wie schwer wird die Konstruktion? Begrünungsaufbauten werden gesättigt gerechnet, also vollgesogen mit Wasser. Höhere Aufbauten heißen mehr kg/m². In Sanierungen entscheidet das oft darüber, ob ein Gründach überhaupt umsetzbar ist, ohne das Tragwerk neu zu ertüchtigen.
- Welche Wirkung hat das Dach auf Klima und Energie? Verdunstungskühlung, sommerliche Wärmedämmung, PV-Synergie und Insektenlebensraum sind keine Randthemen mehr. Sie skalieren mit der Aufbauhöhe.
Zwei Höhen, zwei Profile. Im Folgenden, was sie im Alltag tatsächlich bedeuten.
65 mm — Begrünung dort, wo die Statik knapp ist
Die 65-mm-Kassette ist die ehrliche Antwort auf eine Realität, die jeder Sanierungsplaner kennt: Viele Bestandsdächer waren nie für eine Begrünung gerechnet. Die Tragreserve liegt häufig im einstelligen kg/m²-Bereich, manchmal im niedrigen zweistelligen. Trotzdem soll begrünt werden, weil die Kommune Anreize setzt, weil das Klimakonzept es vorschreibt oder weil ein Bauherr dem Bestand mehr Wert geben möchte, ohne neu zu bauen.
Die geringe Bauhöhe macht hier möglich, was höhere Systeme verbieten. Sedum, Sukkulenten und Moose kommen mit dem schlanken Substratraum gut zurecht; sie sind ohnehin die genügsamsten Pflanzen am Markt und auf Trockenphasen ausgelegt. Die Etagen-Entwässerung der XROOF-Kassette sorgt dafür, dass auch bei diesem Aufbau kein Staunässeproblem entsteht, ein klassisches Risiko schlanker Aufbauten ohne entkoppeltes Drainagesystem.
Typisch sind drei Anwendungsfelder:
- Bestands- und Sanierungsprojekte mit knapper Tragreserve, in denen ohne statische Ertüchtigung nachgerüstet werden soll.
- Schrägdächer, bei denen Eigenlast und Hangabtrieb bewusst niedrig gehalten werden müssen.
- Kleine Nebenbauten wie Carports, Gartenhäuser, Garagenanbauten, Müll- oder Fahrradunterstände. Konstruktionen, die nie für mehr ausgelegt waren.
Was der Bauherr bekommt, ist ein lebendiges, pflegearmes Sedum-Dach mit klarer Klimawirkung, ohne dass das Tragwerk neu gerechnet werden muss. Für viele kommunale Förderprogramme reicht 65 mm allerdings nicht; wer Förderung beziehen will, sollte vorher prüfen, ob die Mindestaufbauhöhe eingehalten ist.
80 mm — Der Branchenstandard, und das aus gutem Grund
80 mm ist die Höhe, die sich in der deutschen und europäischen Gründachpraxis durchgesetzt hat. Die FLL-Dachbegrünungsrichtlinie nennt diesen Wert als Mindestempfehlung für Sedum-basierte Extensivbegrünungen. Förderprogramme, kommunale Dachgrünkataster und Anreizsysteme orientieren sich häufig an dieser Schwelle: Erst ab 80 mm gilt das Dach in vielen Regionen als „förderfähig begrüntes Dach“.
Mit dieser Höhe kommt auch die echte Pflanzenvielfalt im Extensivbereich. Eine 80-mm-Kassette trägt die klassische Sedum-Kräuter-Mischung, robust, pflegearm und über Jahre stabil. Das Wasserspeichervolumen reicht, um Trockenphasen von zwei bis drei Wochen zu überbrücken, ohne dass die Vegetation sichtbar zurückfällt.
Für viele Bauherren ist 80 mm die wirtschaftliche Standardlösung: Last, Substratbedarf und Pflanzenvielfalt liegen in einem ausgewogenen Verhältnis, und die Verlegung in der 60 × 40 cm-Kassette geht ohne Spezialwerkzeug, ein Punkt, den vor allem Verarbeiter zu schätzen wissen, weil er Kolonnenstärke und Tagesmenge kalkulierbar macht.
Die 80-mm-Variante ist außerdem die Basis für die anspruchsvolleren Konfigurationen im XROOF-System: Mit dem RETENT-Inlay wird sie zum echten Retentionsdach mit maximaler Wasserrückhaltung. In der BIOTOP-Variante trägt sie eine biodiverse Pflanzmischung aus Sedum, Kräutern und Wildblumen, die das Dach in einen Insektenlebensraum verwandelt.
Eine wichtige Synergie macht die 80er besonders attraktiv: Photovoltaik. Eine begrünte Dachfläche kühlt durch Verdunstung, was in heißen Sommern die Effizienz aufgesetzter PV-Module messbar erhöht. Die 80-mm-Höhe ist hier der bewährte Standard, weil sie genug Substrat- und Wasservolumen mitbringt, ohne die Aufbauhöhe der Modulständer zu sprengen oder die Wartungsfreiheit der Modulreihen zu erschweren.
Wer „einfach ein Gründach“ bauen will und keine besonderen Auflagen erfüllen muss, ist mit 80 mm meist richtig.
Was 65 und 80 verbindet: Wasserspeicher, PV, Schwammstadt
Zwei Höhen, aber mehrere Themen ziehen sich quer durch beide.
Der integrierte Wasserspeicher. Er wirkt in jeder Höhe und sorgt dafür, dass Pflanzen Trockenphasen überstehen, ohne dass eine separate Bewässerung installiert werden muss. Sein Volumen skaliert mit der Höhe: Je tiefer die Kassette, desto mehr Reserve. Die Etagen-Entwässerung verhindert gleichzeitig, dass aus dem Speicher Staunässe wird, ein Punkt, an dem schlanke Aufbauten ohne Etagensystem oft scheitern. Das patentangemeldete RETENT-Inlay der 80er-Kassette reduziert zusätzlich Substratbedarf und Gesamtgewicht, ohne den Wasserspeicher zu verkleinern.
Die PV-Synergie. Sie ist in beiden Höhen spürbar, lohnt sich aber besonders bei der 80er. Solarmodule auf einem Gründach arbeiten effizienter, weil die Verdunstung des Dachs die Modultemperatur senkt. Untersuchungen aus der DACH-Region zeigen Effizienzgewinne im einstelligen Prozentbereich. Bei einer 25-Jahres-Investition wie PV ist das messbar relevant und bei größeren Anlagen schnell der wirtschaftliche Vorteil, der die Mehrkosten der Begrünung trägt.
Der Schwammstadt-Effekt. Er wird bereits ab 80 mm zum echten Argument. Kommunen erkennen Gründächer zunehmend als Bauteile in Niederschlags- und Starkregenkonzepten an; ESG-Reporting-Frameworks verlangen quantifizierbare Beiträge zu Klimaanpassung. Die 80-mm-Höhe ist hier nicht Komfort, sondern Voraussetzung für Anrechenbarkeit, vor allem in Kombination mit dem RETENT-Inlay.
Ein Ausblick: 100 und 120 mm in Vorbereitung
Für Projekte mit höheren Ansprüchen an Pflanzenvielfalt, Wasserrückhalt und Klimawirkung arbeiten wir bereits an zwei weiteren Aufbauhöhen: 100 und 120 mm. Diese Erweiterungen werden den Sprung in die semi-intensive Begrünung ermöglichen, mit Stauden, Wildblumen und Kräuterrasen als Pflanzbasis und einer deutlich höheren Wasserrückhaltekapazität für Schwammstadt-Konzepte und ESG-Reportings. Sobald diese Kassetten verfügbar sind, informieren wir hier und über unseren Newsletter.
Wie wählen Sie die richtige Höhe?
In der Beratung läuft die Entscheidung am Ende auf drei Fragen hinaus:
- Was trägt das Dach? Wenn die Statik knapp ist, ist die 65er die richtige Wahl. Wenn ausreichende Tragreserve da ist, ist die 80er der bewährte Standard. Vor jeder Festlegung sollte ein statischer Nachweis der gesättigten Aufbaulast vorliegen.
- Was soll das Dach leisten? Wenn es um die Erfüllung einer Pflicht- oder Förderauflage geht, ist 80 mm meist die richtige Wahl. Wenn maximaler Wasserrückhalt oder Biodiversität wichtig werden, lohnt sich der Blick auf die RETENT- oder BIOTOP-Variante der 80er.
- Welcher Pflegeaufwand passt zum Projekt? Sedum-Dächer sind in beiden Höhen pflegearm. Eine Kontrolle pro Jahr inklusive Düngung reicht in der Regel. Biodiverse Aufbauten mit Kräutern und Wildblumen wollen ein bis zwei Pflegegänge pro Jahr, was in den meisten Fällen kein Hindernis ist, aber in der Bauherren-Erwartung früh kommuniziert werden sollte.
CONVERTA berät zu dieser Wahl auf Basis von über drei Jahrzehnten Erfahrung in Materialwirtschaft, Recyclingtechnik und Kunststoffsystementwicklung. Die XROOF-Kassetten werden in Deutschland aus Sekundärmaterial bis zu 100 Prozent gefertigt, jede Kassette ist also nicht nur ein Bauteil für ein lebendiges Dach, sondern ein konkreter Schritt aus dem Kreislauf.
Fazit: Zwei Höhen, klare Entscheidungslogik
Wer ein Gründach plant, sollte die Aufbauhöhe nicht zuletzt entscheiden, sondern zuerst.
- 65 mm, wenn das Tragwerk wenig hergibt und Sedum reicht.
- 80 mm als Standard, der die FLL-Mindestempfehlung erfüllt, Förderfähigkeit sichert und in den Varianten RETENT und BIOTOP die anspruchsvollsten Aufgaben übernimmt.
Eine Kassette ist am Ende nur so gut wie die Beratung davor und das Material darin. Beides bekommen Sie bei CONVERTA aus einem Haus.
